Wer zwei Röcke hat, der gebe dem, der keinen hat
Schülerarbeiten des Goethegymnasiums Weißenfels  Impressionen von der Vernissage


Christina Simon zur Eröffung
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
Sie alle wissen, was es heißt, ein Fest zu feiern. Das Schönste am Fest, sind die Vorbereitungen. Man stellt die Gästeliste zusammen, wer darf kommen und wer neben wem sitzen. Speisen werden mit Bedacht ausgewählt, es wird gekocht, gebacken, geputzt und das Haus geschmückt. Reden werden geschrieben oder man überlegt, welche Beiträge dem Fest Gestalt geben könnten. Wenn die Gäste kommen, dann will man natürlich schön aussehen und eine gute Figur machen. So eine Kunstausstellung gleicht immer einem Fest. Die Bilder oder Plastiken entstehen in den Werkstätte, werden mit großer Anstrengung, Geist und viel Talent erarbeitet, die schönsten dann ausgewählt , gerahmt und schick angezogen, der rechte Platz ist zu finden, das letzte Namensschildchen anzubringen, die Betrachter können kommen, schauen, genießen und sich selbst mit einbringen. Das darf man erwarten, damit es auch wirklich ein schönes Fest wird.
Heute feiern wir im Rahmen des Martinsfestes. 215 Schülerarbeiten können Sie heute hier in diesen schönen Ausstellungsräumen betrachten. Die Auswahl zu treffen war gar nicht leicht. Einige Schüler und meine Kollegen, sofern es Ihre Kapazitäten hergaben , haben mit mir drei Tage lang ausgewählt, gerahmt, geputzt, gehängt und beschriftet , damit wir heute diese wunderbare Ausstellung in der Öffentlichkeit preisen können. Wir wünschen uns natürlich viel Zuspruch und viele Besucher. Die BRAND-Sanierung, die seit 15 Jahren hier in der Neustadt, einem Stadtteil, in dem die meisten Jugendlichen und inzwischen auch die meisten Menschen mit verschiedenen kulturellen Hintergründen leben, versucht immer wieder aktuelle Fragen in der Kunst anzureizen und zu diskutieren, stellt kühn professionelle Künstler neben nicht arrivierte und ist stolz darauf, dass das Publikum so vielschichtig und verschieden ist, wie nirgendwo. Ich habe in meinen fünfzehn Dienstjahren noch keine Veranstaltung erlebt, in der ich nicht auch Menschen begrüßt habe, die noch nie hier waren. So mit Bestimmtheit auch heute. Und das ist wichtig für eine Stadt, dass das Rinnsal immer nach außen offen bleibt und wir nicht zu einem Club verkommen oder im eigenen Saft schmoren.
Mein erster Kunstlehrer Gerhard Kettner, der von Anfang an in jede Ausstellung hierher kommt, hat einmal zu mir gesagt, ich hätte das Zeichenblatt erst dann zur Seite gelegt, wenn das letzte Blatt vom Baum gezeichnet war. Heute, als Lehrerin sage ich, nichts ist ergreifender und schöner, als zu sehen, wie ein Kind vor einem Blatt Papier sitzt - nicht vor dem Computer, das berührt mich überhaupt nicht so sehr - und in sich versunken aus seiner eigenen Anschauung heraus sein Bild malt. Es braucht dazu nicht viel, nur ein paar Bunt- Blei- oder Filzstifte und ein Blatt Papier. Wenn sie sich Zeit nehmen für diese Ausstellung, dann können sie sehen, dass sich sehr viele Bilder auf das Elementare beschränken.
Zeit braucht es sehr wohl, wenn man ein Bild wirklich lesen will. Wir leben in einer Zeit, die uns täglich mit Bildern überflutet, aber ich stelle immer wieder fest, dass wir Bilder mit ihrer Dichte an Informationen oft gar nicht lesen können. Das braucht schon etwas Übung. Und üben kann man das auch wirklich nur, wenn man immer wieder viele gute Kunstwerke sieht und sich so das Auge ästhetisch formen kann. Gute Kunst von Kitsch zu unterscheiden ist in unserer Welt nicht leicht. Wir sind dabei unsere ästhetischen Maßstäbe zu verlieren.
Das braucht wiederum gute Lehrer, die versuchen, das zu vermitteln und denen man vertrauen kann. Lehrer sind Glückssache. Ich hatte das Glück, gute Kunstlehrer zu haben und ich hatte auch das Glück - jetzt denken sie nicht, ich werde nostalgisch und will die DDR wieder haben - aber, und das ist nicht von der Hand zu weisen, dass es in meiner Schulzeit jährlich die Galerie der Jungen Meister gab. Ich war stolz, dass meine Arbeiten jedes Jahr mit dabei waren. Wie hätte ich sonst Anerkennung und Wertschätzung erfahren sollen. Leider brach diese Tradition nach der Wende völlig zusammen und im öffentlichen Raum wurden kaum noch Schülerarbeiten gezeigt bzw. Schülerkunst gefördert. Wenn wir Glück hatten, dann hat uns die Sparkasse in ihr Foyer alle zehn Jahre einmal eingeladen, damit wir die besten Schülerarbeiten zeigen konnten. Das war´s dann aber auch für WSF. "Wer zwei Röcke hat, der gebe dem, der keinen hat" - ein Bibelwort, das zur Vorgabe wurde und sehr eng an der Legende des Heiligen Martin, der seine Mantel teilt, steht. Martin von Tours, dessen Patronatsfest jährlich am 11. November in der katholischen Kirche begangen wird, gehört zu den herausragenden Gestalten, die am Anfang der Geschichte der Barmherzigkeit im Christentum stehen. Und Barmherzigkeit ist gerade von uns in diesen Zeiten der Flüchtlingsbewegung gefordert.
Wir haben den Martinsmarkt, den das Kloster St. Klaren in diesem Jahr als Höhepunkt organisiert hat und auf dem das Kunsthandwerk gepriesen wird, als Impuls verstanden, um das Engagement des Klostervereins zu unterstützen und um uns mit dem Thema auseinanderzusetzen. Das ist unser Bildungsauftrag. Die Schüler der fünften bis zwölften Klassen haben sich auf unterschiedliche Weise und in den verschiedensten Ausdrucksformen in Kunst und Religion mit ihren Lehrer - Christel Geißler, Uta Sommer, Uli Zander, Matthias Elter und meiner Wenigkeit auseinandergesetzt und ihre Antworten gegeben. Dabei haben die Fünftklässler und Sechstklässler in beeindruckender Federkursivhandschrift Legenden oder ausgewählte Texte zu Martin und seine Zeit geschrieben, herrliche farbige Martinsgänse gestaltet oder im Religionsunterricht nach dem Ort Gottes gefragt und nicht nur die Martinslegende sondern auch die des Christophorus , der Hl. Elisabeth oder des Hubertus bearbeitet. Uli Zander hat mit seinen Schülern das Thema "Helfen, wenn Menschen in Not sind" bearbeitet, Uta Sommer hat vor allem mit den 10. - 12. Klassen über "Geben-Nehmen-Teilen" aber auch sehr selbstkritisch über die "Balancen im Leben" - nicht zuletzt über Tugenden und Laster nachgedacht und sehr anspruchsvolle Objekte mit den Schülern gestaltet. Die Neuntklässler haben die Farbglasfenster zum Hl. Martin und der Elisabeth gestaltet und die älteren Schüler haben sich der Frage nach den Werken der Barmherzigkeit angenommen. Matthias Elter gestaltete mit den achten Klassen tolle Comis zu Martin von Tours.
Die Ausstellung umkreist aber nicht nur das genannte Thema, sondern zeigt auch weitere hervorragende Schülerarbeiten in interessanten Techniken, die im Kunstunterricht entstanden sind. Machen sie sich selbst ein Bild davon. Sie merken schon, meine Damen und Herren, das Schönste an solch einem Ausstellungs- Fest ist, dass Arbeiten alle Klassenstufen nebeneinander hängen und miteinander korrespondieren. Wo gibt es das schon. In der Kunst geht das. So können die Kleinen auch einmal sehen, womit sich die Großen beschäftigen und Gesetz des Wachstuns nach oben trachten und die Großen auch einmal daran erinnert werden wie sie selbst gemalt haben und gegebenenfalls schmunzeln. Die Kunst, das Handwerk und das Thema verbinden einander auf eine zutiefst menschliche Weise. Was kann es denn schöneres und besseres geben! So hoffen wir, dass wir mit dieser Ausstellung dazu beitragen können, dass es vielleicht wieder eine Tradition in unsere Stadt werden kann, jährlich hervorragende Schülerarbeiten zur Schau zu stellen und mit den jungen Menschen aktuelle Fragen auf diese Weise zu erörtern.
Ich wünsche Ihnen viel Freude und Erkenntnis beim Betrachten und danke meinen Kollegen und den Schülern noch einmal im Besonderem